Montag, 5. Dezember 2016

Du bist unverwundbar!



Namaste! In der Psychotherapie gibt es eine beliebte Übung: der sichere Ort. Dabei wird mit der Vorstellung eines solchen Ortes in uns gearbeitet, an den wir immer zurückkehren können, wenn wir an unseren Traumata arbeiten oder uns Emotionen zu überschwemmen drohen. Eine innere Zuflucht.

Wie passend, dass man im Yoga auch davon ausgeht, dass unser innerster Kern, unser wahres Ich, sicher an solch einem Ort ist. Unberührbar von allem außen, damit unverwundbar. Leiden passiert auf der körperlichen oder psychischen Ebene. Das Innerste ist und bleibt heil! 

Eine unglaublich tröstliche Vorstellung…















Wer denkt da für mich?

Ich spürte schon als Teenager manchmal: Da gibt es einen Teil in mir, der fühlt sich immer gleich an, obwohl ich älter werde. Kennt ihr das Gefühl, dass ihr euch selbst beim Denken zuschaut? Wer denkt da für mich? Ich fragte mich: Ist das das Ich? Aber wie kann es sein, dass sich dieser Teil unverändert anfühlt? Ich mache doch Erfahrungen, werde geprägt von Verletzungen oder auch positiven Erkenntnissen und lerne immer mehr dazu. Umso erleuchtender und erhebender war es für mich, als ich erkannte, dass ich mit meinem Gefühl so dermaßen richtig lag. Zumindest so nah dran an der Yoga-Psychologie - obwohl ich damals noch nie etwas von der Bhagavadgita gehört hatte.




Was du wahrnimmst, bist du nicht!

Die Hauptaussage dieser alten Schrift: Du bist das, was wahrnimmt! Was du wahrnimmst, bist du nicht! Das, was wahrnimmt, wird als drasta (Seher) oder purusa bezeichnet. Somit bin ich nicht mein Auto oder mein Job. Ich bin nicht einmal mein Körper, er ist materielle Hülle. Ich bin auch nicht meine Gedanken und Gefühle - laut Yoga ist auch das Materie. Das ist einer Gründe, wenn nicht der Hauptgrund, warum wir leiden: Weil wir uns so sehr mit unserem Besitz, unserer Arbeit, unserem Körper identifizieren. Ist das Auto kaputt, bricht die Welt zusammen. Schauen wir im TV ein Fußballspiel, fiebern wir mit, als müssten wir selbst das Runde ins Eckige schießen. Einer meiner Lehrer strapaziert in diesem Zusammenhang gerne das Beispiel: Verliere ich bei einem Unfall meinen Arm, bin ich doch immer noch ich. 

Wenn ich in den Keller laufe, um etwas zu holen, unten ankomme und vergessen habe, was es war - habe ich da meinen Gedanken verloren oder mich? Alles grob- und feinstoffliche ist flüchtig. Drasta in mir bleibt. Drasta ist wie die Sonne, die auch immer am Himmel ist, auch wenn ich sie oft tagelang nicht sehe, weil sie von schweren Wolken verdeckt wird. Doch sie ist da, immer.




Ich bin.
Wenn man sich dessen und was das tatsächlich bedeutet, bewusst wird, ist das der größte Trost aller Zeiten. Dann können wir im Endlichen handeln mit dem Bewusstsein der Unendlichkeit. Wenn wir uns dieser tiefen Ebene anvertrauen können, haben äußere Einflüsse, schlimme Erlebnisse und Emotionswellen nicht mehr so eine Macht über uns. Denn dann können wir das Vertrauen haben: Das Innerste in uns ist und bleibt heil! Alle Verletzungen, die wir in unserem Leben erlitten haben, alle Narben, die daran erinnern, unsere Ängste, unsere Blockaden - all das findet auf der Ebene des Geistes statt. Drasta, das Ich, kann sich das alles anschauen - ist somit Zuseher und nicht das Verletzte. Kein Opfer. Leiden tut der Körper, leiden tun wir unter den Anspannungen, Irrungen, Verletzungen unserer Psyche. Jeder von uns erlebt Krankheit, Verlust usw. Doch all das findet auf den Ebenen Körper und Geist statt. Wem das klar wird, bekommt Abstand. Klarheit nimmt Druck. 


Dann können wir alles leichter annehmen, was ist - egal was es ist. Das bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen! Doch wir spüren: ICH bleibe unverwundbar! Das ist meine innere Heimat, meine Zuflucht, wohin ich mich immer zurückziehen kann. Meine Psyche bekommt Kratzer, mein Körper schmerzt - - - ICH BIN.







ÜBUNG



1. Radikale Akzeptanz: Spürst du wie auch gearteten Druck von außen (oder auch aus dir selbst), ist der erste Schritt: Akzeptiere, dass die Situation nun so ist, wie sie ist

2. Zeugenbewusstsein: Gehe auf Abstand. Schaffe dir Raum, damit dich die Sache nicht hineinzieht, dich nicht völlig verwickelt, du dich komplett identifizierst. Sei dir bewusst: Du bist der/die, der/die wahrnimmt! Was du wahrnimmst, bist du nicht! Dein Innerstes ist und bleibt unverwundbar!

3. Klarheit: Schau dir die Situation an. Die Klarheit nimmt den Druck. Nur so kannst du den Ausweg finden.

4. Innere Zuflucht: Wenn du merkst, dass du es in diesem Moment nicht schaffst, im Zeugenbewusstsein zu bleiben und ganz fest zu spüren, dass die Probleme zwar da sind, aber dein Ich außerhalb steht, sei dir dessen bewusst, dass du eine innere Zuflucht, eine Heimat hast, in die du dich immer zurückziehen kannst. Dein Innerstes bleibt von Leid unberührt! Dieses Wissen macht dich stark!



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